Werkgruppe
Doppelnaturen
Installation, Glasmalerei, Objekt
Binnenräume in Innenräumen als Außenräume
Text: Hans Rudolf Reust, 1994
Die räumliche Situation des Werks ist komplex. Die konstruktiven Überreste eines kleinen Produktionsbetriebs in Berlin-Kreuzberg bestehen in einer Rampe, einer Umfriedung von Mauern, einer Brandmauer und einer Konstruktion aus Eisenträgern, die den offengelegten Innenraum teilt. Der Witterung ausgesetzt, ist dieser Zwischenraum – ein Raum dazwischen – offen für jede Nutzung jenseits aller Nützlichkeit. Maja Weyermann hat in diese vorgefundene Situation sechzehn hängende Glasplatten sowie ein niedriges Wasserbecken mit einer Kultur von Schachtelhalmen eingefügt. Während die Glasplatten, berußt und bezeichnet mit Spuren von Schwingungen energisch bewegter Schnüre, das tiefschwarze Wasserbecken der Schachtelhalme zu zwei Seiten umgrenzen, zeichnen sich die Pflanzen in der Form von Spiegelungen organisch wilder Striche den Zeichnungen ein. Überblendung wird Teil der Zeichnung, Zeichnung eingespiegelt in die organische Struktur. Die Stille des Ensembles im lockeren Regen ist beherrscht von einer unlösbaren Spannung, die unweigerlich zwischen urverwandten Naturformen und einer mit digitalen Assoziationen verbundenen Zeichnung aufkommt. Zwischen den stehenden Halmen weiten sich, unplanbar, die konzentrischen Kreise einfallender Regentropfen.
Zugleich spiegeln sich auf begrenzten Formaten die Unwägbarkeiten der Zeichnung in der Unbeherrschbarkeit von Natur. Schwärze begegnet Schwärze in ihren Helligkeiten. Die Autorität des Raumes, die üblicherweise Installationen bestimmt, erscheint gebrochen durch die Offenheit eines vorgefundenen Innenraums. Dessen Binnenstruktur definiert einen flüchtigen Ort der Kunst – und der Natur, der Zeichnung und der Architektur. Die Statik einer der erdgeschichtlich ältesten Pflanzen trifft auf die Statik einer verfallenden Architektur.
Als könnte sich die prekär gewordene Kunst in der Natur eine andere Weise der Stabilität erschließen. Ändern sich die transparenten, spiegelnden Zeichnungen und das reflektierende Wasser im wechselnden Licht, so bleibt sich die skulpturale Präsenz der Halme, unter kaum merklichen Windbewegungen, gleich. In der Verspiegelung verschließt sich das Werk dem Raum, den es in sich aufnimmt.
Text in: Doppelnaturen, Ausst.-Kat., hrsg. v. Maja Weyermann, Berlin 1994.
